Sonora Einfuhrung

Albrecht Classen, “Missionarische Bemühungen als Welterforschung. Jesuitische Sichtweisen auf die Neue Welt: nördliches Mexico — heutiges Arizona,” Scientiae et artes. Die Vermittlung alten und neuen Wissens in Literatur, Kunst und Musik. Vol. II. Ed. Barbara Mahlmann-Bauer. Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, 38 (Wiesbaden: Harrassowitz, 2004), 1029-51.

(Fussnoten fehlen, siehe dafuer die gedruckte Fassung, die auch z.T. leicht abgewandelten Text besitzt).

1. Die Bedeutung der exotischen Reiseberichte für die frühneuzeitliche Literaturgeschichte ist kaum zu unterschätzen und mittlerweile auch vielfach kritisch diskutiert worden. Gerne präsentierte man dem europäischen Publikum kannibalische Zustände, hatten ja Autoren wie Hans Staden, der zwischen 1547 und 1554 zweimal nach Südamerika reiste und dabei fast selbst von den brasilianischen Tupinamba zum Menschenopfer gemacht worden wäre, als glaubwürdige Zeugen davon gesprochen. Andererseits repräsentierte die Neue Welt auch eine ungeahnte religiöse, ethische, moralische und wissenschaftliche Herausforderung, selbst wenn sich nur wenige Zeitgenossen wie der Bischof Bartolomé de Las Casas (1475-1566) zu Verteidigern der amerikanischen Eingeborenen aufwarfen und sich darum bemühten, diese gegen die Ausrottungsmaßnahmen der Europäer zu schützen — wenngleich am Ende mit nur wenig Erfolg.

Bereits vor dem berühmten Kolumbusjahr, dann aber vor allem seit 1992 und unmittelbar danach hat sich die Forschung intensiv mit dem Thema ‘die Neue Welt’ auseinandergesetzt und vielerlei neue Erkenntnisse zutage gebracht, auf die hier nur summarisch hinzuweisen wäre. Auch wenn weniger dramatisch und drastisch, und dann sowieso aus einer imperialistischen Perspektive, wirkte sich die Entdeckung der Neuen Welt tiefgreifend auch auf das Bewußtsein der Europäer aus, wovon uns die reichhaltig überlieferte Apodemik ein gutes Zeugnis bietet, die auch in der deutschsprachigen Literatur ab dem sechzehnten Jahrhunderts viele wichtige Vertreter besitzt.

Sowohl in der Materialerfassung als auch in der kritischen Sichtung der verschiedenartigsten Kontaktaufnahmen zwischen Europäern und den Einwohnern Amerikas stehen wir jedoch weiterhin vor einer großen Aufgabe, die noch lange nicht erschöpfend behandelt worden ist. Dies macht sich u.a. daran bemerkbar, daß bisher sowohl ein literarischer Bereich als auch eine bestimmte Region des nordamerikanischen Kontinents, wohin im späten 17. und 18. Jahrhundert viele Zentraleuropäer aus vielen verschiedenen Gründen aufgebrochen waren, sehr stark vernachlässigt worden sind. Die Rede ist hier speziell von den jesuitischen Missionaren, die sich zunächst in Mexiko etablierten, dann den Weg nach Norden, insbesondere Sinaloa und Sonora, einschlugen und weit bis in die Mitte des heutigen Bundesstaates Arizona vordrangen, außerdem nach Westen, d.h. nach Baja California gelangten, um friedlich und weitgehend in erstaunlich guter Zusammenarbeit mit der willigen Nomadenbevölkerung die christliche Lehre zu vermitteln. Zu militärischen Konflikten kam es allerdings ebenfalls, und einige der Missionare starben in Folge von Indianeraufständen gegen die spanischen Kolonialherren als unschuldige Opfer. Eine große Zahl dieser Jesuiten war seit 1734 deutschstämmig, von denen viele bemerkenswerte Reiseberichte, Traktate, Briefe, Tagebücher und Memorienbücher über ihre Erfahrungen im Südwesten der heutigen USA bzw. im Norden Mexikos verfaßten.

2. Wie uns der Nürnberger Universalgelehrte C. G. von Murr berichtet, “Seit 1734 hat man in Spanien, sogar auf königliche Kosten, auslaendische Jesuiten nach Paraguay, Peru und Quito gesandt. Oefters bestand der vierte Theil aus Deutschen." Der Missionar Joseph Och (1725-1773) konstatiert hinsichtlich der Lage in der Pimería (Sonora): “Wir waren in diesem Striche Landes... fast alle deutsche Missionarien. Denn diese machen entweder ueberall die Avantgarde aus, oder saßen, als verlohrne Schildwachen, immer auf den aeußersten Grenzen, die noch mit den voellig Wilden benachbart sind.” Wenngleich nordamerikanische und mexikanische Historiker und Anthropologen sich bisher mehrfach und von diversen Perspektiven aus mit diesen Texten beschäftigt haben, fehlt es doch weiterhin an einschlägigen Untersuchungen über die mentalitätsgeschichtliche Orientierung der Jesuiten, die literarhistorische Qualität ihrer Darstellungen sowie deren kulturellen Aussagewert. Erfreulicherweise hat man sich mittlerweile recht intensiv mit dem entscheidenden Begründer der jesuitischen Mission in Sonora, dem in Südtirol (bei Trento) gebürtigen, in Hall, Ingolstadt, Oettingen und Freiburg erzogenen und ausgebildeten Pater Eusebio Kino (1645-1711), beschäftigt und seine Werke in englischer und spanischer Übersetzung herausgegeben, und dazu rückten mittlerweile einige seiner Nachfolger wie Ignaz Pfefferkorn und Joseph Och in das Blickfeld der Forschung, doch fehlt es weiterhin an kritischen Untersuchungen des jesuitischen Schrifttums insgesamt aus historischer und literaturwissenschaftlicher Sicht und mit Hilfe von imagologischen sowie kulturhistorischen Fragestellungen.

Sabine Sauer hat immerhin die Leistungen der niederländischen Jesuiten in Amerika gewürdigt, während erst jüngst Franz J. Merkl die Aufzeichnungen des Paters Julian Knogler, der bei den Chiquito-Indianern in Bolivien gelebt hatte, bearbeitete. Die Bio-Bibliographie von Bernd Hausberger bietet zwar eine zentrale Grundlage für die weitere Arbeit an diesem Thema, doch liegen darüber hinaus — sehen wir von solchen Ausnahme wie Johannes Meiers Untersuchung — kaum einschlägige kritische Studien vor, die auf dieses große und höchst wertvolle Corpus jesuitischer Provenienz zurückgegriffen hätten. Ein literarhistorisches Neuland wartet also auf uns, das nur entdeckt werden will, während die reiche deutsch-amerikanische Literatur, die sich auf die Frühphase der dreizehn Kolonien an der Ostküste und später anderer Staaten bezieht, mittlerweile schon vielfältig und kritisch durchleuchtet worden ist. Solange aber die weitaus größte Mehrzahl der Quellen nur in Drucken des 18. und frühen 19. Jahrhunderts vorliegen und nicht durch moderne Editionen zugänglich gemacht werden — ganz zu schweigen von den vielen handschriftlichen Dokumenten — , müssen wir wohl noch lange darauf warten, bis das hier angeschnittene Thema in seiner vollen Bedeutung erkannt und gewürdigt werden wird.

Diese literarische Corpus ist aber zunächst einmal aus globaler Perspektive zu betrachten, denn der Jesuitenorden hatte sich explizit die Aufgabe gestellt, in der ganzen Welt zu missionieren, war aber zugleich sehr zentral organisiert. Dies bedingte somit, daß die Missionare von allen Teilen der Erde aus Nachrichten, Berichte, Briefe, Darstellungen und gelehrte Abhandlungen nach Europa sandten, wo sie sorgsam gesammelt und z.T. sogar übersetzt wurden. Als einer der bedeutendsten Vermittler der Jesuitenliteratur für diejenigen Leser, die nicht lateinkundig waren, darf Joseph Stöcklein gelten, der 1726 einen mächtigen Tomus mit einschlägigen Texten in Graz herausbrachte, die er selbst ins Deutsche übersetzt hatte: Allerhand So Lehr = als Geist = reiche Brief / Schrifften und Reis = Beschreibungen / Welche von denen Missionariis der Gesellschaft Jesu Aus Beyden Indien / und andern Über Meer gelegenen Ländern / Seit An. 1642 biß auf das Jahr 1726 in Europa angelangt seynd. Jetzt zum erstenmal Theils aus Handschriftlichen Urkunden / theils aus denen Französischen Lettres Edifiantes verteutscht und zusammen getragen.

3. Seine Intention bestand zwar darin, wie er betont, die Leistungen der jesuitischen Missionare weltweit ins rechte Licht zu rücken und ihre aufrichtigen Bemühungen um die Bekehrung der Heiden zum Christentum anhand ihrer eigenen Texte zu dokumentieren, “damit/gleichwie in andern Ländern/also auch in Teutschland euer Ruhm verkündet: euere Ehr wider gifftige Zungen und Federn hergestellet: annebst viel junge zu einer so wichtigen Sach taugliche Männer zur Bekehrung dern Heyden angefrischet.” Damit strebte er zugleich an, seinen Orden gegen die verheerende Wirkung der sogenannten “Schwarzen Legende”, die überall in Europa kursierte, in den Schutz zu nehmen. Weiterhin erklärte er unumwunden, daß die jesuitische Berichterstattung in beeindruckender Weise zur allgemeinen Wissensvermittlung beitragen würde, denn viele außereuropäische Völker besäßen überragende und für die Europäer bislang unerreichbare Fähigkeiten und Begabungen. Der Leser werde leichthin wahrnehmen, welche außerordentlichen Geschicklichkeiten bei anderen Völkern vorhanden seien: “Denen Mathematicis oder Maßkundigen / zumalen denen Sternguckern / Feldmessern / Seefahrern und Baumeistern / wird in gegenwrtigen Brieffen von unsern Missionariis aus vielen Zweiffeln geholffen: Viel / was sie schon etliche tausend Jahr zu ergruenden sich umsonst bemuehet haben / geoffenbahret: auch in vielen Stuecken zur Verbesserung ihrer so edlen als hoechstnutzlicher Kuensten Anlaß gegeben; inmassen nicht wenig aus unsern in der gantzen Welt zerstreueten Priestern vortreffliche Mathematici seynd.”

Gleichermaßen urteilt er hinsichtlich verschiedener Berufszweige: “Die Handwercks-Leut (als die Töpfer / Weber und andere mehr) etwelche Kunstgriffe ersehen / nach welcher Vorschrifft / diese letztere einen feinen Porcellan, schönen Musseline, die zarteste Leinwand und andere schätzbare Arbeit in unsern Ländern verfertigen können.” Nicht daß Stöcklein den Nichtgläubigen in aller Welt besondere Achtung zollen wollte, aber er sah sich gezwungen anzuerkennen, daß sich überall Weiterentwicklungen auf den verschiedensten Gebieten finden ließen, die die Europäer gewiß gerne für sich selbst anwenden würden. Damit läßt sich von vornherein die komplexe Strategie nicht nur dieses jesuitischen Autors identifizieren, sondern weitgehend auch diejenige vieler individueller Missionare, deren Schriften nachfolgend begutachtet werden sollen: 1. Unterhaltung des allgemeinen Publikums, 2. Belehrung der wissenschaftlich Interessierten, 3. Vermittlung der religiösen Erfahrung und 4., wenngleich weniger explizit formuliert, die literarische Gestaltung der eigenen Erlebnisse und der Berichte anderer.

4. Laut Stöcklein erwies sich bemerkenswerterweise gerade die amerikanische Mission als äußerst produktiv für seine Ordensbrüder, denn angesichts der Dominanz des islamischen Glaubens im arabischen und asiatischen Raum, gegen den die jesuitischen Missionare nur sehr wenig auszurichten vermochten, betont er: “hergegen von dem Bestand aller Missionen in America, wo des Mahomets Lehr bißhero keinen vesten Fuß hat setzen können / desto besser Hoffnung schöpffen könne.

Ein anderes wichtiges Beispiel für das große Interesse seitens des Laienpublikums an den missionarischen Leistungen und geographischen Erforschungen der Jesuiten bietet die große Kirchen-Geschichte von Cornelius Hazart S.J., dessen dreibändige Arbeit zuerst 1667, 1668 und 1683 von Michael Cnobbaert in Antwerpen auf Holländisch gedruckt wurde, 1678, 1684, und 1701 in Wien bei Leopold Voigt, 1725 bei Johann Jacob Wolrad in deutscher Übersetzung erschien und mindestens bis 1725 mehrfach neu aufgelegt wurde. Andere Auflagen gelangten u.a. 1697 in Köln bei Herman Demen in den Druck, Sie trägt einen typisch barocken Untertitel, der explizit die thematische Stoßrichtung andeutet und zugleich die globale Perspektive verrät, von der das große Unternehmen bestimmt war:
Das ist: Catholisches Christenthum, durch die ganze Welt ausgebreitet, Insonderheit bey nächst verflossenen und anjetzo fliessenden Jahrhundert, darinnen kurzlich beschrieben wird, jedes Lands Arth, und Gelegenheit, der Einlander Lebens-Sitten, eygenthumliche Secten, Satzungen, Staats-Wesen, Gesit- und Weltliche Gepräng; besonders aber, und ausführlich bey gebracht die erste Einpflanzung, des Auffnehmen, und die Erweiterung deß allda eingeführten wahren Christ-Glaubens: wie solcher von vilen eyfrigen Blutzeugen verfochten, von Lob- und merckwürdigen Tugend-Thaten viler anderer Christ-Helden gezieret, und von vilen wundersamen Begebnussen bekräfftiget worden, mit vilfältigen Kupffern zu füglicher Erkandnus abgebildet.

Hazart gibt damit zu erkennen, daß er zwar an erster Stelle die Verbreitung des katholischen Glaubens in der ganzen Welt vor Augen führen will, aber sein wichtigstes Anliegen besteht doch darin, die Exotik der fremden Welt zu schildern und die aufregenden Reisen und Abenteuer der jesuitischen Missionare darzustellen. Hazart demonstriert also, daß er nicht nur theologisch denkt, sondern genausogut wissenschaftlich und literarisch, und durch die reiche Ausstattung seines Werkes mit Kupferstichen war zugleich die große Publikumswirksamkeit gesichert.

Die Berichterstattung aus Mexiko für die europäischen Leser begann in ernstzunehmender Weise im frühen achtzehnten Jahrhundert, so wenn wir an den handschriftlichen autobiographischen Bericht Eusebio Kinos, seine Favores celestiales de Jesús y de María Santísima y del gloriosissimo apóstol de las Indias San Francisco Javier experimentados en las nuevas conquistas y nuevas conversiones del nuevo reino de Nueva Navarra de esta América Septentrional incógnita...., verfaßt zwischen 1699 und 1710, denken, oder an die Historia Seditionum von Pater Joseph Neumann (1730). Texte in deutscher Sprache, die uns besonders interessieren, erschienen jedoch erst seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

5. Anhand der Vorrede zu Ignaz Pfefferkorns Beschreibung der Landschaft Sonora samt andern merkwürdigen Nachrichten von den inneren Theilen Neu=Spaniens und Reise aus Amerika bis in Deutschland lassen sich die wesentlichsten Motive und Intentionen eines durchaus repräsentativen jesuitischen Missionars identifizieren. Pfefferkorn wurde am 31. Juli 1725 in Mannheim geboren, schloß sich 1742 dem Jesuitenorden an und begab sich 1754 nach Mexiko. 1776 wurde er mit allen anderen Jesuiten aus Amerika vertrieben und bis zum Ende des folgenden Jahres in spanischen Gefängnissen festgehalten. Er wird kurze Zeit nach 1795 gestorben sein. Die für uns bedeutsame Vorrede taucht erst im zweiten Band auf, der 1795 in Köln im Druck erschien, während der dritte geplante Band niemals realisiert wurde. Pfefferkorn widmete sein Werk dem Fürstbischof von Köln, der ihm aus spanischer Gefangenschaft verholfen hatte, lange nachdem der Jesuitenorden weltweit verboten worden war und man zwangsweise alle Missionare 1767 aus Amerika zurückgeholt hatte, um ihnen meist eine längere Gefängnishaft in spanischen Klöstern aufzuhalsen. Pfefferkorn erklärt unumwunden: “Meine Absicht ist das in Deutschland noch ziemlich unbekannte, doch aber sehr merkwrdige Sonora aus der Dunkelheit zu heben, und dem nach Kenntnissen entfernter Lnder und lehrreichen Reisen ußerst begierigen Publikum keine erdichtete Abenteuer, sondern wesentliche und ntzliche Geschichte zu liefern.” Es läßt sich heute nicht mehr gut abschätzen, inwieweit und ob überhaupt dieses angezielte Publikum tatsächlich so lernbegierig war, wie Pfefferkorn angenommen hatte, denn sein Werk scheint in nur ganz geringer Auflage erschienen und wird sehr bald danach wieder in Vergessenheit geraten zu sein, denn erst 1949 gelangte es erneut in die Öffentlichkeit, und zwar in englischer Übersetzung durch Theodore E. Treutlein, neu aufgelegt 1989 durch Bernard L. Fontana; eine spanische Übersetzung war bereits 1984 in Mexiko erschienen, freilich ohne daß man in Europa davon Notiz genommen hätte.

Pfefferkorn verfaßte seinen enzyklopädischen Bericht weitgehend auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen, konsultierte aber, wie er offen zugibt, während seiner längeren Gefangenschaft im Hafen S. Maria bei Cadiz, andere Autoritäten, die ihm “die zuverlssigsten Nachrichten von demjenigen, was ich selbst nicht gesehen hatte”, verschafften. Zugleich schränkte er aber die Erwartungen ein, denn er als Missionar hätte nie über so viel freie Zeit verfügt, wie sie für einen Geographen oder Anthropologen — um moderne Begriffe zu gebrauchen — notwendig gewesen wären, um die ganze Landschaft, ihre Fauna und Flora sowie die dort lebenden Menschen zu studieren: “denn solch ein Werk haette die genaueste Beobachtungen, folglich auch viel mehrere Zeit erforderet, als die Amtspflichten einem Missionar gestatteten, welcher mit der leiblichen und geistlichen Besorgung seiner Indier fast immer beschftiget war.” Nicht nur war Pfefferkorn von seinen Freunden und angesehenen Persönlichkeiten dazu gedrängt worden, diese große Abhandlung zu verfassen, sondern er glaubte selbst, daß sein Bericht wegen dessen exotischen Charakters für das Lesepublikum wichtig sein werde: “daß Ihnen viele von meinen Nachrichten merkwrdig genug vorkommen werden.” Andererseits sah sich der Autor sogleich dazu gedrängt, den wissemschaftlichen Anspruch seiner Darstellung zu betonen. Der erste Band umfasse die Grenz- und Landesteilbeschreibung mitsamt der Bevölkerung; ergänzt durch eine zuverlässige und vielfach überprüfte Landkarte. Der Naturgeschichte schließe sich eine Abhandlung über die Flora und Fauna an, gefolgt von einer Beschreibung der Indianerstämme. Um auch für möglichst alle Fragen gewappnet zu sein, fügte Pfefferkorn sogar ein Verzeichnis der Preise der amerikanischen und europäischen Produkte, die man in Sonora kaufen konnte, hinzu, denn er wollte auch an den kaufmännisch gesinnten Leser appellieren: “zugleich den ungeheuren Nutzen erkennen, welcher daselbst an den meisten europischen Waaren herauskoemmt.”

6. Der zweite Band geht auf die Mentalität und Kultur der Indiander in Sonora ein, wobei Pfefferkorn explizit Kritik an einem früheren, nicht namentlich genannten Autor äußert und darauf insistiert, genauere Informationen zu besitzen: “vieles aber in Zweifel ziehen, oder gar lugnen muß.” Der Autor ist sich allerdings bewußt, daß so manche Leser Unsicherheit beschleichen könnte, was die Wahrheit seines eigenen Berichts angeht. Vorbeugend insistiert deswegen Pfefferkorn darauf: “daß ich meinen Leser nicht mit fabelhaften, oder aus fremden oft unchten Quellen entlehnten Erzehlungen tusche, sondern ihm nur solche Nachrichten liefere, welche sich auf meine eigene sowohl, als aller brigen mit mir in Sonora gewesenen Missionarien vieljhrige Beobachtung, Untersuchung und besaetndige Erfahrung gruenden.” Der Inhalt des dritten Bandes wird zwar auch vorgestellt, aber offensichtlich muß der Tod dem Autor die Feder aus der Hand genommen haben, bevor er sein Werk vollenden konnte. Dies ist umso bedauerlicher, als er offensichtlich beabsichtigte, bisher noch unbekannte politische Machenschaften der Spanier gegen die jesuitischen Missionare bloßzustellen, die Reaktionen der indianischen Einwohner Sonoras und der Spanier auf die Vertreibung der Jesuiten zu schildern und eine genaue geographische Beschreibung Mexikos von Sonora bis zum Haupthafen Vera Cruz, wohin sie alle als “Staatsgefangene” geführt wurden, zu liefern.

Erneut weist Pfefferkon darauf hin, daß viele der Informationen in Deutschland völlig neu sein würden, was die Hauptattraktivität des Berichtes auf dem deutschen Buchmarkt darstellte. Bei der Behandlung Spaniens dagegen hielt er sich zurück, weil bereits ausführliche Angaben dazu von anderen Autoren gemacht worden waren. Ein nur durch das Namensakronym bekannter gelehrter Freund Pfefferkorns ergänzte die Darstellung mit gelehrten Hinweisen in den Fußnoten.

Ohne Zweifel gehört die Beschreibung der Landschaft Sonora zu den Meisterwerken der jesuitischen Literatur des 18. Jahrhunderts, wie die innere Struktur, die stilistische Gestaltung und das erzählerische Vermögen Pfefferkorns eindringlich vor Augen führen. Insoweit wären wir durchaus berechtigt, seine enzyklopädische Abhandlung mit zur deutschen Literaturgeschichte zu rechnen, wenngleich die Folgen dieser und vieler anderer Schriften für die betroffenen Eingeborenen-Völker in Sonora und anderen Teilen der Welt — selbst wenn von den Verfassern unbeabsichtigt — oftmals verheerend waren. Wie Hausberger zu Recht betont: “Bei allem Idealismus der auftretenden Missionare sollte nicht übersehen werden, daß sie als Handlanger des europäischen Kolonialismus, in diesem Fall des spanischen, gedient haben, der letztlich zur Vernichtung der vielfältigen Kulturen Süd- und Mittelamerikas geführt hat”

7. Für einen Germanisten erweist sich die Tatsache, daß die meisten wichtigeren Texte der deutschsprachigen Jesuiten, die in Sonora und Baja Kalifornien gewirkt hatten, heute nur in englischer Übersetzung vorliegen, als äußerst abträglich. Johann Jakob Baegerts Nachrichten von der Amerikanischen Halbinsel Californien, zuerst gedruckt in Mannheim 1773, erschien 1952 in englischer Übersetzung von Carl L. Baumann. Joseph Ochs Nachrichten von seinen Reisen nach dem spanischen Amerika, seinem dortigen Aufenthalte vom Jahr 1754 bis 1767, und Rückkehr nach Europa 1768 erschienen 1809 in Christoph Gottlieb von Murrs Nachrichten von verschiedenen Ländern des spanischen Amerikas 1808-1811, wurden aber erst 1965 von Theodore E. Treutlein, und dann gleich ins Englische übersetzt, neu herausgegeben. Die Berichte des P. Philipp Segesser aus der Gesellschaft Jesu über seine Mission in Sonora, 1731-1761, zuerst 1886 in den Katholischen Schweizerblättern gedruckt, erschienen 1945 ebenfalls in englischer Übersetzung durch Treutlein, bisher aber warten wir noch auf eine Neuedition des Originals; dieses Werk besitzt nicht nur als Vertreter der apodemischen und der jesuitischen Literatur des 18. Jahrhunderts große Bedeutung, sondern bietet auch als anthropologische und historische Quelle wertvolle Informationen. Matthäus Steffels bedeutsames Tarahumarisches Wörterbuch nebst einigen Nachrichten von den Sitten und Gebruchen der Tarahumaren wurde zuerst 1791 in Brünn gedruckt und erschien dann 1809 noch einmal in Murrs Nachrichten direkt im Anschluß an den Text von Joseph Och. Der Missionar Gottfried Bernard Middendorf, 1723 in Vechta geboren, 1741 in den Jesuitenorden eingetreten, 1754 nach Mexiko gereist und 1776, also neun Jahre nach der Vertreibung aus Amerika, gestorben (ev. aber auch erst 1782), hinterließ Tagebücher mit seinen Erfahrungsberichten, die später (1845, 1865, 1875, 1928) sogar von der Lokalpresse in Vechte ausführlich zitiert und kommentiert wurden. In vielen Fällen handelt es sich dagegen um Texte, die nicht für das breite Lesepublikum geschrieben und deswegen von vornherein in Spanisch oder auch in Lateinisch verfaßt worden waren, weil sie ein wissenschaftliches Publikum oder speziell die Mitglieder des Jesuitenordens ansprechen sollten. Johann Nentwigs Descripción geográfica, natural y curiosa de la provincia de Sonora von 1764 liegt deswegen mittlerweile in modernen spanischen Ausgaben bzw. als Neuedition (1971 und 1977) vor, während die meisten Schriften der deutschsprachigen Missionare bis heute auf ihre Neubearbeitung warten.

Zur Illustration unseres Themas sei zunächst der Text von Baegert vorgestellt und seine Qualität als Repräsentant der deutschen apodemischen Literatur untersucht. Baegert wurde am 22. Dezember 1717 in Schlettstadt im Elsaß geboren, trat 1736 in den Jesuitenorden ein und arbeitete zunächst als Lehrer an einer Jesuitenschule in Mannheim.1749 erhielt er seine Priesterweihe und wurde 1751 nach Amerika als Missionar gesandt. Nachdem der Autor fast zwei Jahrzehnte von 1751 bis 1767 bei den Indianern auf der Halbinsel Baja California gelebt hatte, kehrte der Pater im Zuge der Jesuitenvertreibung 1769 nach Europa zurück und verbrachte anschließend die letzten Jahre seines Lebens in Neustadt a.d. Donau, wo er die Aufgabe eines geistigen Beraters und Beichtvaters übernahm. Kurz vor seinem Tod am 29. September 1772 gelang es ihm, seine Nachrichten in Mannheim in den Druck zu geben, womit er offensichtlich einen recht guten Markterfolg hatte, denn sonst wäre es für ihn nicht möglich gewesen, den Text für eine zweite Auflage zu revidieren und sogar eine Karte der Halbinsel hinzuzufügen, die vom Pater Ferdinand Konschak oder Konsag hergestellt worden war. Baegert veröffentlichte auch eine linguistische Arbeit über die Indianersprache Waicura: De la lengua Waicura de la Baja California, die wiederum inzwischen aus dem deutschen Original ins Spanische übersetzt worden ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Forschern und Amerikareisenden bedient sich Baegert eines nüchternen, fast schon trockenen und sehr realistischen, zugleich aber auch recht abfälligen Tonfalls, denn schon einleitend hebt er hervor, daß praktisch nichts in California die Mühe lohnen würde, auch nur eine Schreibfeder aufzugreifen und etwas über diese Region zu verfassen. Nichts gäbe es dort außer armseligen Büschen, Steinen und Felsen, Sand und Kakteen, und die einheimische Bevölkerung unterscheide sich kaum von Tieren, nur daß diese Menschen die Fähigkeit zum Denken besäßen. Obwohl also fast kein Autor sich dazu motivieren ließ, etwas über diesen Landstrich zu sagen, sieht sich Baegert doch aus einer Reihe von Gründen dazu bemüßigt, die wesentliches Licht auf die ganze apodemische Literatur werfen: California sei so groß, daß man es nicht einfach ignorieren könne, und trotzdem hätten die meisten Berichterstatter nur Lügen verbreitet. Die falschen Gerüchte von angeblichen Reichtümern Californias müßten berichtigt werden, aber für Baegert ist es doch am wichtigsten, daß man in Europa allgemein an jedem Bericht über Amerika interessiert sei, ob nun ein solcher über Elend oder Reichtum, über schlechte oder gute Regierungen, oder über die Dummheit und Klugheit der Menschen. Der Autor erklärt außerdem, daß er selbst als große Autorität hinsichtlich Californias besitze, denn er habe siebzehn Jahre lang dort gelebt und sei vielfach in alle Richtungen gereist. Zudem habe er mit anderen Missionaren gesprochen, die sogar dreißig Jahr dort verbracht hatten. Den eigentlichen Ansporn, seinen Bericht abzufassen, erhielt aber Baegert dadurch, daß andere Autoren umfangreich, dafür aber fälschlich über California geschrieben hatten. Er bezieht sich speziell auf eine mächtige dreibändige Arbeit in Spanisch, die ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden war, trotzdem voller Irrtümer stecke.

8. Baegert gießt beißenden Spott über die spanischen Reiseautoren, die ihre Berichte unnötig mit abwegigen Beschreibungen, historischen Reflexionen und Darstellungen von kriegerischen Ereignissen und Gerichtsentscheidungen von anderen Gegenden in Amerika anfüllten und somit ihre Leser langweilten. Mit großen Goldfunden sei dort nicht zu rechnen: “weil alle heutige Erd= und Welt=Beschreiber davon Meldung thun, und keiner die Wahrheit sagt; weil daselbe vor kurzem, so wohl in Mexico als zu Madrit, ein großes Geschrey wegen eingebildetem Reichthum erweckt hat, von welchem vielleicht etwas biss nach Deutschland ist bergeflogen; und endlich, weil man in Europa mit nicht weniger Begierd von der Armuth und von dem Elend, als von dem Ueberfluß und Reichthum weit entfernter Lndern, von der Dummheit und viehischen Lebensart, als von der Geschicklichkeit und Polizey ber Meer gelegner Vlkern erzhlen hret und liest” (S. 2b). Er hingegen habe sich sorgsam darum bemüht, nur Tatsachen, die er selbst in Augenschein genommen hatte, zu schildern, die die rationale Neugier anfachen und befriedigen würden: “Ich kann es ohne Beschwernuß thun, weil das Looß vor diessem auf mich gefallen, siebenzehen Jahr in Californien zu leben. In dieser Zeit bin ich darinn ueber achtzig Stund weit der Laenge nach herumgewandert, hab beyde Meer-Ufer mehrmal besichtiget und mit anderen mich oefters besprochen, welche mehr als dreyßig Jahre daselbst haben zugebracht, und mehr als einmal (so weit das Land entdeckt ist) von einem End bis zum andern dasselbe durchstrichen” (S. 3a).

Zugleich weist Baegert sein Publikum darauf hin, daß bei ihm keinerlei Materialien aus den spanischen Berichten zu erwarten seien, weil diese meistens rein phantastische Aussagen enthielten (S. 4a), während er sich selbst nur auf seine persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen stütze. Außerdem sei gerade nicht mit Schilderungen von großartigen Naturwundern zu rechnen, weil so etwas Baja California nicht bieten könne, das ein karges, von Gott wenig bedachtes Land sei (S. 5a). Selbst über die Eingeborenen gebe es nicht viel auszusagen, denn obwohl die meisten das Christentum pro forma angenommen hatten, sei es schier ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, sie davon zu überzeugen, die neue Lehre auch zu praktizieren: “Es kostete nicht viel dieselbe zu bewegen, daß sie nach erlernter Glaubens=Lehr sich taufen ließen, um desto mehr weil sie keine andere der christlichen wiedersprechende Religion hatten, aber daß sie dasjenige, was sie bey der Tauf versprochen hatten, ins Werk setzten, darzu war bey dem grsten Haufen kein menschlicher Fleiß hinlnglich” (S. 5b). Trotzdem weist Baegert die Leser darauf hin, daß doch 14,000 junge Californier, die er getauft und die während seiner missionarischen Tätigkeit dort gestorben waren, den Weg ins Himmelreich fanden, denn andernfalls hätte er zugeben müssen, sich vergeblich und erfolglos als Missionar bemüht zu haben (S. 5b-6a). Zum Abschluß macht Baegert darauf aufmerksam, daß viele Einzelaspekte seines Berichtes mehr oder weniger auch auf andere Regionen Amerikas zuträfen, obwohl in California selbst die Unterschiede zwischen den Stämmen und sogar den klimatischen Verhältnissen beträchtlich seien (S. 6a). Der Autor bemüht sich also, der Kritik vorzubeugen, daß er sich widersprüchlich ausgedrückt habe. Schließlich betont er noch, daß er sich die Freiheit herausnehmen werde, von Zeit zu Zeit etwas moralische Philosophie in den Text einfließen zu lassen, denn dies hänge ja mit seiner Berufung zusammen: “Ich lasse hie und da eine kurze Sittenlehr mit unterlaufen, wie dieselbe unter dem Schreiben mir zu Sinn gekommen” (S.6b).

Baegert erbittet am Ende die Gunst des Publikums, das sein etwas holpriges Deutsch entschuldigen müsse, denn er habe zwischen 1751 und 1768 kaum je die Gelegenheit gehabt, seine Muttersprache zu üben, weswegen er zum Zeitpunkt der Abfassung seines Textes nicht mehr ganz mit dem neuesten Sprachstand vertraut sei, den er aber sowieso als modisch affektiert oder bewußt archaisierend charakterisiert: “denke man, daß ich in 17. Jahren, naemlich von 1757. bis 1768. die Gelegenheit deutsch zu reden selten gehabt, und folglich meine Muttersprach zimlich vergessen hab” (S. 7a).

Und in der Tat, dieses Stück apodemischer Literatur zeichnet sich durch einen sehr nüchternen, fast wissenschaftlich zu nennenden Stil aus, denn Baegert beginnt mit genauen Schilderungen der geographischen und klimatischen Verhältnissen sowie den dort vorzufindenden agrarischen Produkten, wendet sich darauf den Einwohnern zu, geht auf die Entdeckungsgeschichte ein und beschreibt die missionarischen Bemühungen. Zum Abschluß führt er eine Liste der Irrtümer an, die in früheren Berichten über California verbreitet worden waren, die er allesamt in Grund und Boden verdammt, weil sie nur Phantasien reflektierten. Obwohl einer der vorhergehenden Verfasser behauptet hatte, daß das Meer zu beiden Seiten der Halbinsel reichlich die Armut des Landes kompensiere, mokiert sich Baegert darüber, denn das Meer allein habe noch niemals irgendwelche Insel- oder Küstenbewohner der Welt reich gemacht: “ich weiß, daß kein Prlat in catholischen Landen, ja kein Chor= oder Pfarherr in Spanien, einen mßigeren Tisch fhrt, als Seine Hochwrden Gnaden, der erste Herr Bischof von Californien” (S. 355)”. Unverkennbar kommt zum Ausdruck, mit welcher Verachtung der Missionar auf diese trockene und fruchtlose Welt, insbesondere aber auf die indianische Bevölkerung herabblickt, der er wiederholt große Faulheit, Mangel an Selbstdisziplin und andere moralische Schwächen vorwirft. Immer wieder drückt Baegert seine große Unzufriedenheit mit seiner Missionsarbeit aus, denn es sei ihm kaum gelungen, “etwas sicheres aus ihnen heraus locken. Dann nebst dem greulichen Lgen, Betriegen und allerhand unntzen Ausschweifen, verwicklen sie aus angebohrner Ungeschicklich= und Unachtsamkeit die Sach so erbrmlich, und widersprechen sich selbsten so vielfltig, daß die Gedult bey solchem Fragen und Forschen große Gefahr leidet” (S. 174).

9. Seine Abneigung gegen sie kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß sich bei den Indianern keine Zivilisation finden lasse: “Eine Nation ohn alle Polizey, Religion, Regiment und Gestze, ohne Ehr und ohne Scham, ohne Kleider und Wohnung; eine Nation, die sich mit nichts beschfftiget, von nichts redet, an nichts gedenket, ber nichts vernnftlet, um nichts sich bekmmert, als um das Essen, und andere dem Viehe gemeine Ding” (S. 175). Der aufmerksame Blick des Naturwissenschaftlers wird zwar durch die persönliche Irritation wegen der Lebenseinstellung der Indianer getrübt, aber dafür vermag er stets exakte Aussagen über das Land und seine Beschaffenheit zu liefern: “Die californischen Berge und Felsen, seynd in vielen Orten von einer ansehnlichen Hhe, grstentheils aschfrbig, mit feiner, oder gar wenig Erd berzogen” (S. 33). Oder: “Man siehet lauter Drner, wann man die Staude ansieht, und scheinen alle Aeste mit einem zwlffachen, und mit fingerlangen scharfen Stacheln versehenen Bus(sic!)grtel, berzogen zu seyn” (S. 57). In seinem Kommentar über die Tausendfüßler läßt er zwar seine persönliche Meinung durchfließen, bewegt sich aber dabei immer noch auf einer objektiven Ebene, wenn er sagt: “Ob die Hundertfße durch ihre Biss Schaden zufgen, weiß ich nicht, und hab dessen keine Erfahrnus; ihr bloßes Ansehen aber machet sie schon frchterlich genug. Der Farb nach kommen sie mit den Scorpionen fast berein, ausgenommen, daß beyde Endschaften kohlschwarz seynd” (S. 69).

Ignaz Pfefferkorn urteilte nicht viel anders, denn nach seiner Meinung wären die Sonorer nicht in der Lage, die Zeit korrekt zu bestimmen, könnten nicht zählen, verhielten sich wie Kinder, seien grundsätzlich als dumm zu bezeichnen — freilich nur wegen mangelnder Erziehung — , bewiesen sich schrecklich rachbegierig, grausam, undankbar, unverschämt, unhöflich, unmoralisch, ungehorsam, faul, den Lastern anheimgegeben, sie seien Lügenbolde und Diebe, was insgesamt den Autor zum Urteil drängt: “Die Missionare wendeten zwar alle erdenkliche Mhe an, diese und andere abscheuliche Sitten der Sonorer mit Einfhrung einer christlichen Lebensart zu verbessern... Bei den meisten aber konnten sie noch wenig bewirken.” Hinsichtlich der ihm weniger vertrauten Apaches entwirft er aber z. T. ein ganz anderes Bild, denn ihre strengen moralischen Gesetze und Ehrbarkeit beeindrucken ihn, “woraus sich schließen lßt, daß das Licht der Natur bei den Apaches weniger, als bei andern Barbaren, verdunkelt sei.”

Auch Philipp Segesser [von Brunegg] folgt wie die anderen jesuitischen Autoren in etwa dem gleichen Strukturschema, als er seine Berichte ... aus der Gesellschaft Jesu über seine Mission in Sonora, 1731-1761 verfaßte. Dieses Schema richtete sich nach einem enzyklopädisch gestalteten Modell und gliederte die Darlegung nach den Kategorien Fauna, Flora, Anthropologie und Geschichte. Segesser war am 1. September 1689 in Luzern geboren, trat 1708 in den Jesuitenorden ein und reiste 1730 nach Mexiko, wo er dreißig Jahre lang als Missionar tätig war. Er starb am 28. September 1762 in San Miguel de Horcasitas. Nach einer Einleitung beginnt er seine Darstellung zunächst mit einem Bericht über seine persönlichen Erfahrungen, verweist auch auf frühere von seinen Mitbrüdern verfaßte Abhandlungen und kommentiert zusammenfassend über die Verhältnisse in Sonora, die er als strapaziös und schwer zu ertragen empfindet: “Die in dieser Gegend unerträgliche Hitze fängt im Februar an und dauert bis im Oktober” (S. 407). Die Charakterisierung der Indianer sowohl unter seiner geistigen Pflege als auch im weiteren Umkreis faszinierte ihn offensichtlich besonders, geht er ja sowohl auf deren Lebensgewohnheiten als auch Eigenschaften, Fähigkeiten und Un-/Tugenden ein. Ausführlich schildert Segesser die Bauweise von Adobe-Häusern (S. 412-414), behandelt die für Sonora spezifischen Feldfrüchte, geht auf die Vergnügungen der Indianer ein, kommentiert verschiedene Formen des Aberglaubens und Formen des Tanzes, um sich dann im zweiten Teil der topographischen Beschreibung, klimatologischen Bedingungen, der Flora, den Bodenschätzen, den wilden und gezähmten Tieren, den Insekten, Vögeln und darauf dem Leben des Missionars zu widmen. Segesser ist sich wie viele andere Missionare nur zu bewußt, daß der lange Aufenthalt in Amerika Folgen für seine Sprache hatte, denn abschließend bittet er, daß der Leser seine fehlerhafte Ausdrucksweise entschuldigen möge: “Ich habe in Wahrheit meine Muttersprache fast vergessen, da mich hier Niemand derselben erinnert” (S. 499).

10. Obwohl auch Segesser sich oftmals kritisch seinen Schützlingen und dazu den feindlichen, noch nicht bekehrten Indianern gegenüber äußerte, sie hinsichtlich ihres heidnischen Glaubens sogar mit den Vögeln vergleicht (“sie leben eigenthümlich als wie die avi”, S. 408), drückt er unverhohlen seine Bewunderung aus, was ihre musikalischen und künstlerischen Fähigkeiten betrifft: “Sie sind sehr gelehrig, singen den gregorianischen Gesang aus Büchern, wiewohl sie nicht lesen können, blasen den Fagott, schlagen die Orgeln, ... Nach der Messe singt das ganze Volk die christliche Lehre auf die Art und Weise chorweis, wie die hochwürdigen geistlichen Frauen zu Sankt Anna im Bruch zu Luzern” (S. 407f.). Einerseits verurteilt er die Pimas als “faul und träg” (S. 412), andererseits lobt er sie für ihre außerordentliche handwerkliche Geschicklichkeit: “auch wirken sie aus Baumwolle Tischtücher u.s.w., die denen meines Vaterlands wenig nachgeben” (S. 412), was sich auch deutlich bei Joseph Stöcklein bemerkbar gemacht hatte. Segesser graut es freilich, daß die Ehemänner unter den Pimas keine Scheu davor haben, gegen Bezahlung ihre Frauen an andere Männer auszuleihen (S. 415), aber er stellt auch fest, daß die Indianerinnen ihre Kinder fast abgöttisch lieben (S. 415). Segessers Urteile über die Verstohlenheit und die Neigung zum Diebstahl bei den Pimas gleichen weitgehend denen, wie sie die anderen Missionare gefällt haben, und dies betrifft auch seine Meinung über die Apaches und Seris: “sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Stehlen, Rauben und Umbringen, lagern sich in Engpässen in Hinterhalt, lassen die Reisenden bis zur Mitte des Passes kommen und überfallen sie dann von oben herab” (S. 419). Die Segesser vorliegenden Berichte der anderen Jesuiten über diese zwei Stämme klingen zutiefst erschreckend, und er scheut sich auch nicht, ausführlich daraus zu zitieren, gibt aber dann doch zu, persönlich noch nicht von diesen “Wilden” angegriffen worden zu sein: “Ich selbst bin jedoch vielfach durch ihre Länder gegangen und habe, Gott sei Lob, weder von Seris noch von Apaches Gefahren ausgestanden; die, welche ich antraf, sind freundlich mit mir gewesen” (S. 421).

Andererseits macht sich sogar bei Segesser die alte Tradition der Teratologie bemerkbar, freilich jetzt vom Orient auf die Neue Welt übertragen, denn er berichtet von ‘glaubhaften’ Aussagen darüber, daß jenseits des Colorado-Rivers monströse Menschen lebten, “welche nur einen Fuß haben und dennoch so geschwind laufen können wie die Menschen mit zwei Füßen. Dieses hat mir der alte Pater Augustin de Campos für wahrhaft erzählt” (S. 422).
Darüber hinaus bemühte sich Segesser, seinen Lesern einen möglichst genauen Eindruck von der Fauna und Flora, den Wetterbedingungen und den Lebensbedingungen zu vermitteln, ohne übermäßig seine persönliche Meinung einfließen zu lassen und doch die Beobachtungen in Sonora in ein Beziehungsraster einzuschließen, das Verständnisbrücken bieten soll: “Der Skorpion, der sich hier findet, ist von einer andern Gattung als der, welchen die Welschen in Deutschland in Gläsern verkaufen” (S. 472). Oder: “Eine Art schwarzer Spinnen, die ich in Deutschland häufig gesehen, ist hier äußerst giftig und scheint ein abgesagter Feind der Menschen zu sein” (S. 473). Oder: “Die Heuschrecken sind bisweilen so groß wie Laubfrösche und thun großen Schaden, wie in Deutschland. Es wundert mich nicht, daß der hl. Johannes in der Wüste dergleichen Verspeiste, denn auch die Spanier in diesem Lande braten und essen sie” (S. 473). Mit am interessantesten erweist sich aber die Behandlung des gewöhnlichen Tagesablaufs eines Missionars, denn Segesser gibt deutlich zu erkennen, daß dieser intensiv als Gutsverwalter, Arzt, Berater, Taufvater und immer wieder und höchst notwendig als Bauer gebraucht wird. Offenherzig gibt der Verfasser zu, daß er gerade deswegen in den Orden eingetreten sei, um vor solchen “Haus= und Feldgeschäften” sicher zu sein, nun aber, als Missionar, weitaus mehr damit beschäftigt war, “als ich je in meinem Vaterland gehabt hätte” (S. 479).

Der schlesische Jesuit Johann Nentuig oder Nentwig (1713-1768), der schon 1750 in Mexiko eingetroffen war und im folgenden Jahr fast zum Opfer eines großen Indianeraufstands gegen die Spanier geworden wäre, verfaßte kurz vor seinem Tod einen der besten, weil ausführlichsten, detailliertesten und um Verifizierbarkeit bemühten Berichte über Sonora, bei dem ihm einige andere Missionare helfend zur Seite standen; zudem entwarf er eine Rohskizze für eine Karte dieser Region. Die moderne Forschung hat einmütig den hohen wissenschaftlichen Wert seiner Arbeit bestätigt, bisher aber noch nicht den literarhistorischen Charakter seiner Schriften berücksichtigt. Nentwig, der am 28. März 1713 in Glatz/Schlesien geboren worden und 1749 von Prag aus nach Mexiko aufgebrochen war. Dort war er bis 1776 als Missionar tätig, bis er während der Deportation der Jesuiten am 13. September 1768 in Ixtlán in Nayarit starb. Er verfaßte zwischen 1750 und 1754 auch einige Briefe, die in dem Welt-Bott V, 38 (1761) veröffentlicht wurden.

11. Nentwig entwarf seine Darstellung in sehr systematischer Weise, indem er zunächst eine genaue geographische Beschreibung Sonoras bot, darauf die Flüsse, Berge, das Klima, die Fauna und Flora einzeln ausführte. Insbesondere der große Vogelreichtum entzückte den Autor: “oigamos y veamos algo para recrear la vista y el oído con el dulce canto y armoniosa variedad de plumas de la innumberable multitud de los pobladores de estos aires.” Das vierte Kapitel konzentriert sich auf Früchte und Pflanzen (“producciones silvestres de Sonor”), das fünfte auf die indianische Bevölkerung, ihre verschiedenen Sprachen, ihre Charaktere, Geschichte, Glaubensvorstellungen usf (“De las naciones de Indios que pueblan esta provincia en general”). In seiner Beurteilung stützte sich Nentwig nicht nur auf seine eigene langjährige Erfahrung, sondern auch auf die Meinungen anderer Jesuiten: “...que estriba su índole sobre cuatro basas, una más ruin que la otra y son: ignorancia, ingratitud, inconstancia y pereza, éstas son puntualmente los quicios en que se gira y mueve toda la vida del indio.” Weiterhin kommen die kriegerische Praxis der Indianer zur Sprache, ihre Ausrüstung und Medizinkünste. Anschließend bietet Nentwig einen Überblick der verschiedenen Völker, einschließlich der gefürchteten Apaches, um sich dann den individuellen Missionen zuzuwenden, deren genau Lokalitäten und Bedingungen erörtert werden. Außerdem geht der Autor auf die Kirchen und deren Ausstattungen sowie auf die verschiedenen Bergwerke und Siedlungen der Spanier ein, um mit einem letzten Kommentar über die heidnischen Apaches und ihre Aggressionen gegen die bekehrten Pimas, Papagos, Cocomaricopas, Yumas und andere Völker zu enden.
Nentwig hegt die gleichen Meinungen über die Indianer wie die meisten anderen Missionare, von denen wir bisher einige repräsentative Stimmen berücksichtigt haben (Baegert, Segesser, Pfefferkorn), nämlich teils geprägt von Verachtung, teils von Mittleid, teils aber auch von Angst und Respekt. Die Apaches nennt er eine “cruel nacion” bzw. “bárbara nación”, dennoch versagt er den Kriegern und ihren Frauen nicht seine unfreiwillige Anerkennung, so wenn er von den letzteren sagt: “Son tan buenas jinetas que brincan en un potro, y sin más rienda que un cabrestillo saben arrendarlo.” Auf der anderen Seite macht sich sein missionarischer Impetus überall deutlich bemerkbar, denn er wettert nur gegen die Apaches und andere nicht bekehrte Völker, weil diese die Bekehrungsbemühungen der Missionare gefährden: “A Dios Nuestro Señor plegue de dar en el corazón de los que pueden remediar tantas desdichas, a que tomen aquellos medios para mantener la cristiandad de los indios fieles, libre de los asaltos de tan crueles enemigos, y con la paz deseada, franquear segura entrada a la fe católica para los vastos países de los gentiles que restan que convertir, para mayor gloria de Dios Nuestro Señor...”

Trotz oder vielleicht gerade wegen des religiösen Impetus macht sich bei fast allen Missionaren des achtzehnten Jahrhunderts eine koloniale Arroganz bemerkbar, die von der europäischen Mentalität herrührt, die die eigene Kultur zum Maßstab aller Dinge machte, während ihre Vorläufer des 17. Jahrhunderts viel eher noch bereit gewesen waren, in den Indianern friedliebende und glückliche Naturmenschen zu erblicken. Wahrscheinlich hängt diese negative Meinung auch damit zusammen, daß die Missionare zusehends am Erfolg ihrer Arbeit zu zweifeln begannen und frustriert die Schuld bei den unwilligen “Heiden” suchten. Dennoch bemühten sich die Jesuiten in erstaunlich selbstloser Haltung darum, den Eingeborenen dabei zu helfen, Landwirtschaft zu entwickeln und sich an sicheren Orten niederzulassen, wo sie nicht von feindlichen Stämmen wie den Apaches und Seris angegriffen werden konnten. Joseph Och berichtet z.B., daß sie auf ihrer Reise von Veracruz nach Mexico “mit Freudenbezeugungen, mit Schallmeyen, Pfeiffen, Trommeln und Tnzen von dem Volke bewillkommt” wurden (I, S. 47). Zugleich formulierten einige der Missionare ihr großes Entsetzen über die brutale Ausbeutung der Indianer durch die Spanier und klagten diese des Genozids an. In seiner Kritik an den Spaniern urteilte Joseph Och, daß die ersten Eroberer Amerikas weniger Vernunft besessen hätten als die dümmsten Indianer, obwohl sie sich als Vertreter einer zivilisierten Nation betrachteten und die Einwohner bloß als Tiere oder Affen. Obwohl auch Och sich damit als erstaunlich unsensitiv der fremden Kultur gegenüber beweist, beklagte er immerhin — und darin sollte er durchaus Ideen vertreten, die mit denen Bartolomé de las Casas vergleichbar sind — das schreckliche Schicksal der indianischen Nationen: “Zur ewigen Schande der Menscheit, war es noethig, zu erklaeren, ja durch paebstliche Machtsprueche, als einen Glaubensartikel zu erklaeren, daß diese Leute unsere Mitbrueder und wahre Menschen seyn. Der ersten Spanier Grausamkeit verging sich so weit, daß sie unmenschlicherweise viele 1000, ja Millionen Seelen ihrem Geitze geopfert haben” (III, S. 189).

12. Im fast gleichen Atemzug formulierte aber Och eine genauso negative Meinung von allen Indianern schlechthin wie Pfefferkorn, Baegert oder Nentwig: “Seine Eigenschaften sind Mißtrauen, zurueckhaltend, Frechheit im Anlaufe; Zaghaftigkeit im Wiederstand” (III, S. 189). Dazu ergänzt er, womit wir seine höchst zwiespältige Einstellung deutlich zu erkennen vermögen, fast im gleichen Atemzug: “Freilich sind sie auch hherer Unterweisung fhig; aber weil es ihnen an der Auferziehung fehlt, bleiben sie immer Indianer... Indessen ist doch gewiß, daß diese von Kindheit auf sich selbst berlassene (sic!) in der Wildniß geborenen Menschen, da sie kein anderes Beyspiel an ihren Aeltern sehen, keinen andern hoehern vernuenftigen Gedanken schoepfen koennen” (III, S. 189f.). Och schwankt also zwischen Anerkennung ihrer eigenständigen Kultur und einer verächtlichen Charakterisierung aus der Sicht des Europäers, hegt jedoch Hoffnung, daß die Indianer bei entsprechender Erziehung und praktischer Ausbildung in der Zukunft eine der europäischen Zivilisation vergleichbare Stufe erklimmen werden können. Selbst einfachste hygienische Verhältnisse mußten manchmal von den Jesuiten erst hergestellt werden, wie Och eindringlich berichtet: “Ferner war ihre Unsauberkeit nicht auszustehen. Diesem Uebel abzuhelfen mußten alle Nothdurftshalber ... wenigstens 20 Schritt vom Dorfe Abtritt nehmen, wodurch nicht nur die Nachtruhe allgemein hergestellt, sondern auch vielen Krankheiten vorgebeugt wurde” (III, S. 272). Andererseits drückt der Missionar u.U. sogar Bewunderung aus, was die Moral der Indianer angeht: “Was die Ehrbarkeit anbetrifft, so machen die Indianer auch die gesittetsten Europer zu Schanden, da sie ihre Tchter aufs sorgfltigste bewachen, damit sie ihre Jungfrauschaft nicht verlieren” (III, 213). Zivilisations- und Kulturkritik vermengen sich hier in eigentümlicher Weise mit katholischer Moralvorstellung und anthropologischen Vorstellungen typisch für das 18. Jahrhundert.

Es beeindruckt uns immerhin, daß der Autor sich so viele Mühe macht, die verschiedenen Konditionen und Verhältnisse unter den Indianern zu beobachten und Lob dort auszusprechen, wo es nach seiner Meinung gerechtfertigt war, Spott aber und fast Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen, wo es ihm nötig schien. Man sollte aber nicht aus heutiger Sicht die Missionare wegen ihrer Verachtung und Geringschätzung der Indianer in Grund und Boden verurteilen, denn der kulturelle Unterschied zwischen den hochgebildeten europäischen Patres und den Vertretern einfacher Bauerngesellschaften und nomadischer Stämme verhinderten von vornherein eine intellektuelle und persönliche Annäherung. Umso mehr darf man den Jesuiten Anerkennung dafür aussprechen, daß sie sich aus religiösem Idealismus in diese noch völlig unbekannten Regionen vorwagten und das Christentum unter den Einwohnern zu verbreiten bestrebt waren. Ihre Vertreibung aus Amerika, und somit die überaus wirksame ‘Schwarze Legende’ waren auf jeden Fall das Resultat übelgesinnter Propaganda in Europa, die keinerlei Grundlage besaß.

Bemühen wir uns um ein vorläufiges Resumé unserer bisherigen Betrachtungen. Vieles ist zwar angeschnitten worden, aber genauso viel hängt immer noch in der Luft, denn das Textcorpus ist fast überwältigend, obwohl nicht unüberschaubar. Deutlich ist jedoch geworden, daß wir einer großen Zahl von durchaus beachtlichen apodemischen Autoren gegenüberstehen, die erstaunliche Leistungen auf ihrem Gebiet vollbrachten. Überwiegend bedienten sich die jesuitischen Missionare des relativ nüchternen, wissenschaftlich vorgebildeten Diskurses und schufen damit die wichtigsten Grundlagen für die geographische, anthropologische, klimatologische, geologische, biologische, religionswissenschaftliche und historische Erforschung Sonoras, Californias und anderer Teile des Südwestens. Ihre Schriften dienen uns heute in ausgezeichneter Weise als Prismen dafür, um Einsicht in die Beziehung zwischen den europäischen Eroberern und Missionaren einerseits und der indianischen Bevölkerung des Südwestens und in anderen Regionen Nordamerikas andererseits zu gewinnen. Zugleich schlugen sie in ihrer Wirkung gar nicht zu unterschätzende Brücken zwischen der jesuitischen Mission und z.T. sogar der breiteren Leserschaft in Deutschland, wie die zweibändige, wenngleich immer noch unvollständige enzyklopädische Darstellung Ignaz Pfefferkorns anzeigt. Diese erschien zwar auf seine eigenen Kosten, aber er rechnete fest damit, auf ein wißbegieriges Publikum zu stoßen, wie er in seinem Vorwort zum zweiten Band verrät: “und dem nach Kenntnissen entfernter Lnder und lehrreichen Reisen ußerst begierigen Publikum keine erdichtete Abenteuer, sondern wesentliche und ntzliche Geschichte zu liefern” (II, Dedikation).

Aufgrund der negativen Presse gegen die Jesuiten blieb den Autoren freilich der große Erfolg verwehrt, obwohl sie doch, wie wir aus der weitverbreiteten jesuitischen Zeitschrift Welt-Bott ablesen können, unter ihren ehemaligen Ordensbrüdern und anderen Klerikern offensichtlich ein aufmerksames Publikum fanden.

13. Viele ihrer Texte zeichnen sich dadurch aus, daß sie nicht bloß in einem trockenen wissenschaftlichen oder religiösen Stil abgefaßt sind, sondern einen gesunden Sinn für packende und lebendige Schilderungen verraten. Pfefferkorn bediente sich sowohl der statistisch abgesicherten Abhandlung als auch der narrativen Beschreibung der Landschaft, der Flora und Fauna, wobei er oftmals ganz bewußt subjektive Urteile formuliert. Die Missionare legen insgesamt ein Zeugnis von dieser neuen Welt ab, das für viele Leser von Interesse sein konnte, weil sie sich so sehr um genaue Informationen bemühten. Der religiöse Enthusiasmus macht sich zwar durchaus bemerkbar, er dominiert aber nirgends die jesuitischen Darlegungen. Insoweit handelt es sich bei dem gesamten Corpus sowohl um wissenschaftlich wertvolle Dokumente als auch um bemerkenswerte, gelegentlich fast schon literarhistorisch bedeutsame Schriften, die ebenso ein informationsbedürftiges Publikum wie auch eine an Amerika-Exotik interessierte Leserschaft ansprachen. Viele der Missionare - und dies nicht nur in Nordamerika - hatten ein schweres und oft sehr gefährliches Leben in Sonora durchzustehen, das mit Abenteuern, neuartigen Erfahrungen und mancherlei Bedrohungen angefüllt war. Es überrascht also keineswegs, daß die größeren Berichte und Beschreibungen von der Neuen Welt im heutigen Südwesten der USA bzw. im Norden Mexikos schnell in den Druck gelangten, ohne daß wir allerdings vorläufig genau übersehen können, inwieweit sie von der nicht-jesuitischen Öffentlichkeit rezipiert wurden. Einige von ihnen erlebten eine Zweitauflage, andere wurden ins Deutsche übersetzt, wenn sie ursprünglich in Spanisch oder Lateinisch geschrieben worden waren. Joseph Stöckleins Hauptabsicht mit seinen monumentalen Allerhand So Lehr = als Geist = reiche Brief / Schrifften und Reis = Beschreibungen bestand z.B. darin, dem fremdsprachenunkundigen Leser in Deutschland die Augen für eine aufregende, oftmals sehr spannende, wissenschaftlich bedeutende und insgesamt höchst informative Missionstätigkeit der Jesuiten zu öffnen. Die große Anzahl von persönlichen und offiziellen Briefen der Jesuiten ist damit noch überhaupt nicht angesprochen worden. Aber auch diese stellen eine literarische, anthropologische und historische Fundgrube sondergleichen dar, die noch gehoben werden will.
Anmerkungen